Traumberuf Blogger? Alles scheiß Gelaber.

Traumberuf Blogger? Alles scheiß Gelaber.

Traumberuf Blogger. Um welchen Preis?

Ja, ich bin Blogger. Dennoch ist es immer wieder eine Überwindung mich gegenüber Leuten mit genau diesem Beruf vorzustellen. Nicht etwa weil ich nicht hinter dem stehe was ich tue, sondern weil die Gefahr, zwangsläufig in einen Topf mit talentfreien Schmocks geworfen zu werden, omnipräsent ist. Also weiche ich aus. Erkläre der Menschheit, dass ich über Mode schreibe, Teil einer mittlerweile sehr gut laufenden Kreativ-Agentur bin und im Großen und Ganzen eigentlich überall wo ein Post-it mit den Worten „Mode“ draufsteht meine Finger im Spiel habe. So beschissen dieser Eiertanz auch sein mag, ich halte ihn für notwendig. Warum? Ganz einfach: Ich habe etwas auf dem Kasten! Dass diese geistige Syntax fernab von einem überdimensionalen Ego steht, sollte einleuchtend sein. Denn selbst nach fünf Jahren im Business kann ich nach wie vor gut von schlecht unterscheiden und weiß um die Bedeutung von vorhandenen oder eben fehlenden Skills. Das mag vielleicht verwirrend klingen, beweist aber auch, dass mindestens 95% der selbsternannten Blogger weder lesen um sich fortzubilden, geschweige denn jemals in der Lage wären ein Intro wie dieses zu verfassen. Dumm gelaufen!

Tipps für Blogger von New Kiss on the Blog

In der letzten halbe Dekade habe ich viel erlebt. Neben Jobs, die mich quer durch Europa bugsiert haben, wurde meine Leidenschaft zur Berufung. Doch vor allem in der Anfangszeit gab es auch negative Vibes: Das berühmte Hörner-Abstoßen, mich belächelnde Homies und ein Arbeits-Umfeld, dessen budgetäre Ressourcen bei maximal 1/10 vom heutigen lagen. Meinen Weg habe ich mir dennoch geebnet. Und das ganz bewusst fernab von vielen Außeneinflüssen, durch die die heutige Schar an Bloggern, wie von einem beschissenem Schneewittchen-Spiegel, geblendet wird. Eine Metapher, die mit Blick auf unsere „Wozu an mir arbeiten“ Kultur zutreffender nicht sein könnte.

Dem ersten Beruf, bei dem man eigentlich gar nichts können muss.

Folglich ist die Scheiße, mit der wir im Live-Akkord via Social Media zugeschüttet werden, wie ein Stich in Herz und Seele. Gedisst von Fashion Bloggern, die keine Ahnung haben, wie Baumwolle angebaut und verarbeitet wird. Beleidigt von Fitness Bloggern, die den Quadriceps am Unterarm suchen. Und verarscht von Food Bloggern, die nichts anderes machen als ihr verkacktes Essen von oben zu fotografieren. Credibility? Null. Know-How? Fehl am Platz. Von Authentizität ganz zu schweigen. Wohin das führt? Wahrscheinlich zum ersten Beruf, bei dem man eigentlich gar nichts können muss. Eine gewagte These? Womöglich zu übertrieben? Nicht wirklich. Denn würden wir rein hypothetisch und sprichwörtlich jedem auf dieser Erde den Teppich in Form von Instagram unter den Füßen wegziehen, wäre das Geschrei groß. Platzende Trommelfelle! Heulende Blogger! Und Existenzen, die abhängig von einer einzelnen (!) App elendig und ekelhaft den Bach runter gehen würden. Betroffen: Mindestens 90% sogenannter Blogger.

Wer also die Opfer der täglichen Arbeit nicht bringen will, sollte zu Hause bleiben und in den vier Wänden seines Kellers aus Jux und Tollerei einen Hobby-Blog betreiben.

Doch was tun gegen Arbeitende, die ihre Berufung nicht ernst nehmen? Die lieber alles andere sind als sie selbst oder das was sie sein könnten? Eine Pauschallösung gibt es nicht, so viel steht fest. Doch eine Art von Regulierung wäre wünschenswert. Zumindest für die Taugenichtse, die zu keiner Zeit für einen Beruf qualifiziert sind, der ihnen mit Selbstbeweihräucherung in Gruppen paradoxerweise vorgaukelt, sie seien die schönsten und stylischsten Pferde im Stall. Außerhalb ihres kuscheligen Geheges feiert sie selbstverständlich niemand. Verdrehte Welt! So hart das alles auch klingen mag, es entspricht einer wahrhaft verdrehten Realität, in der demzufolge Börsen-Makler nie eine Frankfurter Allgemeine in der Hand halten. Oder Küchenchefs die Inhaltsstoffe ihrer Zutaten nicht kennen und den allergischen Gast mit freundlichen Grüßen ins Krankenhaus verfrachten. Eigentlich undenkbar! Und ein Fingerzeig, dass jede Aktion, unabhängig von Reichweite, Verantwortung mit sich bringt und Worte wie Pflichtgefühl und Gewissenhaftigkeit verdammt nochmal untermauert.

Sich dieser Verantwortung zu entziehen ist in diesem illustrem Wettbewerb leider nicht drin, denn in einer vernetzten Gesellschaft wie der unseren trägt zwangsläufig jeder Post zum Weltbild eines Anderen bei. Ob wir wollen oder nicht. Wer also die Opfer der täglichen Arbeit nicht bringen will, sollte zu Hause bleiben und in den vier Wänden seines Kellers aus Jux und Tollerei einen Hobby-Blog betreiben. Alle anderen sollten sich zusammenreißen, sich das nächstbeste Fachmagazin besorgen und endlich anfangen sich mit den Inhalten und der Materie ihres Blogs auseinander zu setzen.

Tipps für Blogger, die ihre Arbeit ernst nehmen wollen
  • Magazine und Fachliteratur lesen, um up to date zu bleiben.
  • Die Geschichte seines Topics kennen. Sei es Fashion, Beauty oder Food.
  • Eine Niesche suchen. Niemand will die zigste „Ich bin Lifestyle-Blogger“ Version sehen.
  • Journalismus Kurse besuchen und das beste aus zwei Welten drauf haben.

Harte Arbeit ist in diesem Zusammenhang der Wille, sich mit dem zu Beschäftigen, was man angeblich ach so gerne liebt. Vor allem in solch einem jungen, sensiblen, ja fast schon jungfräulichen Berufsfeld. Es gilt härter denn je an sich selbst zu arbeiten. Ein Vorhaben, welches neben Bloggern auch Agenturen und Unternehmen inkludiert. Gemeinsam inne halten, reflektieren und den Kopf rattern lassen. Profi in seinen Belangen werden und am Ende der mit jährlich mehr als 20 Milliarden Euro budgetierten digitalen Marketingbranche gerecht werden. Das wäre nice! Die Anfänge sollte jeder bei sich selbst machen. Ob sein Content dabei informiert oder einfach nur entertaint, ist vollkommen schnuppe. Wichtig ist nur der Blick in den Spiegel und die Frage, ob „Ich bin der/die Schönste im ganzen Land“ zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu kümmerlich und wenig ist, um sich auf Dauer Profi-Blogger zu schimpfen.

Jean-Claude Mpassy
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